Cosycooking

Sehnsuchtsziel Baikalsee oder womit Russen wirklich protzen dürfen

Die Voraussetzungen: genug Flugmeilen für einen gratis Europa-Flug inklusive Steuern und drei Wochen Urlaub.

Die Idee: Den aus Mitteleuropa am weitesten entfernten Flughafen zu finden, der auch gleichzeitig Ausgangspunkt zu einem interessanten Reiseziel ist.

Der Wunsch: Mit Rucksack und ohne grossen Plan zu reisen.

Die Wahl: Jekaterinburg alias Swerdlowsk in Zentralrussland und Weiterreise an den Baikalsee in Sibirien - ca. 7.000km von Mitteleuropa entfernt.

Die Reise: nach 15min Fussmarsch zum nächstgelegenen Regionalflughafen, insgesamt ca. 6 Stunden Flug über das Drehkreuz Wien nach Jekaterinburg, 54 Stunden Zugfahrt mit der transsibirischen Eisenbahn nach Irkutsk und 3 Stunden Busfahrt – Ankunft am Baikalsee.

Die (beeindruckenden) Fakten: Der Baikalsee liegt zwischen dem 103. und 109. Längengrad und somit beinahe auf dem gleichen Längengrad wie Bangkok. Es ist der älteste (25 Millionen Jahre), der tiefste (1.642 m) und der See mit dem grössten Wasservolumen weltweit - der Wasserinhalt von 23.000 km3 entspricht 20% der weltweiten Süsswasservorräte.

Würde man den See „auslaufen“ lassen, wäre die gesamte Erdoberfläche mit 20 cm Wasser bedeckt. Die Wasseroberfläche beträgt 31.500 km2 und entspricht der gesamten Fläche der österreichischen Bundesländer Nieder- und Oberösterreich zusammen. Das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein würde zweimal auf den See passen und die Schweiz wäre zu 76% mit Wasser bedeckt.

Mit einer Längenausdehnung von 636 km ist der See länger als die West-Ost-Ausdehnung Österreichs. Die Uferlänge beträgt 2'000 km. Gespeist wird der Baikalsee von ca. 300 - 500 Zuflüssen. Mit dem Fluss Angara gibt es nur einen einzigen Abfluss.

Die Entstehungsgeschichte des Baikalsees ähnelt der des Atlantischen Ozeans und es wird vermutet, dass er sich in einigen Millionen Jahren zu einem solchen entwickeln könnte.

Indigoblau wie Tinte liegt es vor mir, das "Grosse Meer". So wird der Baikalsee in der Sprache der Burjaten, der einheimischen Bevölkerung genannt. Jetzt trennen mich nur noch eine kurze Überfahrt mit der Fähre und die letzte Stunde Busfahrt von meinem Ziel Kushir auf der Insel Olchon. Im grössten Ort der grössten von ca. 30 Inseln im See (730 km2), fährt der Busfahrer zickzack und sucht Nikita. Dort wollen wir hin. Im Bus sind nur noch Esther, eine Dänin und ich übriggeblieben. Alle Passagiere wurden in dem übersichtlichen Dorf bis vor die Haustüre gefahren, also will uns der freundliche Fahrer auch bis zu Nikita bringen. Die grosse weltweite Traveler-Internet-Gemeinde kennt ihn - der Busfahrer von Kushir nicht. Wir fragen uns durch und gehen die letzten Meter zu Fuss.

Nikita Bentscharow und seine Frau haben eines Tages begonnen Rucksacktouristen bei sich zu Hause aufzunehmen. Daraus hat sich ein respektabler und ziemlich durchorganisierter Betrieb entwickelt. Viele verschiedene Häuser mit unterschiedlich grossen Zimmern, mit Waschgelegenheit aber ohne Dusche und WC. Die Gäste kommen aus der ganzen Welt - halb Europa ist vertreten, Amerikaner, Russen und sogar eine Paraguayanerin mitsamt ihrer Kalebasse und Bombilla, um ihren geliebten Matetee auch im fernen Sibirien stilecht geniessen zu können, hat es hierher verschlagen.

Auf dem Anwesen gibt es unter anderem Gemeinschaftsduschen und -toiletten. Dabei darf man sich keine Duschen im herkömmlichen westlichen Sinn erwarten, sondern wie überall in Sibirien, eine typisch russische Banja. Diese besteht aus einem Raum mit vielen Schüsseln, einem Riesenbottich mit kaltem Wasser und einem „Wasserhahn“ aus dem kochend heisses, meistens mit Birkenholz aufgeheiztes, Wasser fliesst. Man giesst heiss und kalt in einer der Schüsseln zu einer verträglichen Mischung zusammen und übergiesst und wäscht sich an Ort und Stelle. An diesen Raum ist die Sauna angeschlossen. Beim Eingang hängt ein Plan, in den man sich am gewünschten Tag zur gewünschten Uhrzeit einträgt. Ich frage mich ernsthaft, ob die zur Verfügung stehenden 20 min wohl ausreichen. Sie tun es. Es ist so unbeschreiblich heiss, dass ich bereits nach 10 min wieder im Tageslicht stehe, frisch gewaschen und nach frischer Luft japsend.

Die Selbstbedienungs-Kantine bietet den Gästen Vollpension und eine ganze Palette russischer Gerichte, genauso wie ich mir diese vorstelle - Griessbrei zum Frühstück, Fleischlaibchen auf Buchweizen, Rote Bete Salat, Kartoffelbrot und natürlich Fisch. Meist gibt es Omul. Der bekannteste Speisefisch des Baikalsees. Er gehört zur Gattung der Lachsfische und kommt noch in anderen Gewässern Sibiriens vor. Serviert wird er gebraten, pochiert, geräuchert oder als Fischsuppe. Auch an anderen Orten und Küstenabschnitten des Sees ist der Omul omnipräsent. Er ist die wichtigste Einnahmequelle der Fischer und deren Lebensgrundlage.

Abends spielt der Vater von Nikita auf dem Akkordeon und ein paar Frauen der Familie singen alte russische Volkslieder. Die perfekte Verbindung von alpiner Skihütten-Atmosphäre mit sibirischer Inselromantik.

Nur ein paar Schritte von Kushir entfernt, hinter einer Kuppe, erstreckt sich der See und auch das wichtigste Heiligtum der Gegend - der Schamanenfelsen. Früher haben die burjatischen Reiter Stoff um die Hufen ihrer Pferde gewickelt um den darin wohnenden Gott nicht zu erzürnen und kein Unheil auf sich zu ziehen. Heutzutage wird nicht mehr so ehrfurchtsvoll mit dem Felsen umgegangen. Sehr zum Leidwesen der einheimischen Bevölkerung. Die Touristen klettern darauf herum und schreiben auf die Felsen. Wie eben überall auf der Welt. Der Magie dieses Ortes kann man sich dennoch nur schwer entziehen.

Um Kushir herum und noch ein Stück weiter, findet die Tascheransteppe vom Festland her ihre Fortsetzung. Richtung Norden und Osten gibt es ausgedehnte Wälder. Durch diese fahren wir bei einer Tour zur nördlichsten Spitze der Insel, dem Kap Choboi. Die Aussicht ist beeindruckend. Und hier gibt es sie: die in Mitteleuropa durch starke Besiedelung und topographisch bedingt zu kurz gekommene Weite. Hier ist sie endlos. Endlos schön und überwältigend.

Ein anderer Ausflug führt uns auf das gegenüberliegende Festland. Bei der Überfahrt auf dem sogenannten "Kleinen Meer", auf dem nicht sehr grossen Schiff, wähne ich mich tatsächlich eher auf einem unruhigen Meer als auf einem See. Die Wellen schlagen hoch gegen das Boot und auf die bereitstehende Fischsuppe verzichte nicht nur ich. Kurz vor der Ankunft sehen wir bis auf den Seegrund. Unsere Reiseleiterin erklärt uns, dass der See an dieser Stelle ungefähr 10 m tief ist. Die Klarheit des Wassers ist - nicht nur hier - unbeschreiblich. Trotz aller ökologischen Bedrohungen. An allen Ecken und Enden wird gebaut. Ferienhäuser und ganze Ferienanlagen. Der Baikalsee ist das beliebteste Urlaubsgebiet für Russen im Inland. Und findige Investoren haben das Potenzial erkannt. Die Insel und die umliegenden Küstengebiete werden sich verändern. Und das wohl nicht nur zum Guten.

Meine nächste Station ist Sludjanka am südlichen Ende des Sees. Nachts um halb zwölf stehe ich nach 30 min Fussmarsch vom Bahnhof am Eingang des Mineralienmuseums und hoffe inständigst, dass ich hier eine Unterkunft für eine Nacht bekomme. Es klappt. Eine freundliche ältere Frau öffnet schwungvoll das Holztor. Sie und eine zweite Dame erscheinen mir in diesem Moment wie zwei Feen. Sie sorgen für Gemütlichkeit, beziehen das Bett, schalten den Ofen und die Banja ein. Da wir mit unserer Konversation irgendwie nicht weiter kommen, wird auch noch Sascha, der aus Irkutsk auf Besuch weilende Cousin, geweckt. Einer der wenigen englisch sprechenden Russen denen ich auf dieser Reise begegne. Er möchte mich mit in die Taiga nehmen und mir seinen geheimen Platz, den er im Sommer gerne besucht, zeigen. Ich bedanke mich für das Angebot und lehne höflich ab. Next time, maybe. Ich überlege mir eine 3tägige Wanderung an der alten Baikalbahn entlang bis nach Port Baikal zu unternehmen. Die gesamte Strecke ist ca. 85 km lang. Ob diese Wanderung so ganz alleine wohl das Richtige für mich ist?

Am nächsten Tag zerstreut Sascha meine letzten Zweifel und besteht darauf, dass ich mich mit genügend Proviant eindecke. Er bringt mich in den Hinterhof eines Omulfischers. Für ein paar Rubel gibt es genug geräucherten Omul für die nächsten Tage. Zunächst fahre ich mit dem Zug noch ein Stück am See entlang und beginne bei Angasolka mein Abenteuer. Hier fällt die Küste steil zum See ab und neben der eingleisigen Bahntrasse gibt es keine Strasse. Der einmal am Tag, nach Fahrplan verkehrende Zug, ist für die Bewohner der wenigen kleinen Siedlungen die einzige Verbindung zur "Zivilisation". Die Wanderung ist populär, vor allem bei jungen Russen. Man läuft direkt auf den Holzschwellen, was sehr ermüdend sein kann. Am ersten Tag, ein Sonntag, kommen mir viele Wanderer entgegen, die so ihr Wochenende beenden. Am zweiten Tag sehe ich ausser den Bewohnern der wenigen Siedlungen keine Menschenseele.

Über die gesamte Strecke verteilt gibt es 39 Tunnels. Zur Bauzeit, Anfang des 19. Jahrhunderts eine technische Meisterleistung. Der längste dieser Tunnels ist knapp 780 m lang. Der einzige Zug meines ersten Wandertages kommt mir ausgerechnet in einem dieser Tunnels entgegen. Ohrenbetäubend laut. Mein Herz bleibt fast stehen.

3 Tage und viele Eindrücke später, komme ich in Port Baikal an. Meine Zeit am Baikalsee nähert sich dem Ende. Ich bin beeindruckt. Nicht nur von der imposanten Naturkulisse – das auch, aber vor allem und ganz besonders von den Menschen. Ich habe eine ungeheure Hilfs- und Gastfreundschaft von der einheimischen Bevölkerung erfahren. Die Herzlichkeit und Fürsorge die mir als alleinreisende ausländische Touristin in vielen Momenten der Ratlosigkeit entgegengebracht wurde, war rührend und eindrucksvoll. Kurz vor dem Einsteigen in den Minibus Richtung Irkutsk, drehe ich mich noch mal um und wünsche mir, eines Tages in naher Zukunft hierher zurückkehren zu können.

 

Anmerkung Birgit: Diese Reise habe ich im Juni 2009 unternommen.

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Kommentare

  1. Evi
    24.08.2010

    Puh, Respekt. Meines wäre das nicht, vor allem ganz alleine. Sieht allerdings nach einem unvergesslichen Erlebnis aus. :)

  2. lamiacucina
    24.08.2010

    Von den 200 000 Tonnen Giftmüll, die das Papierkombinat Baikalsk in den See kippt, nichts zu sehen. Desinformation durch die hiesige Presse oder unsichtbarer Müll ?

    • Birgit
      24.08.2010

      Das Zellulosewerk in Baikalsk (auf der anderen Seite der alten Baikalbahn) wurde letztes Jahr geschlossen und war Hauptverursacher der See-Verschmutzung im südlichen Becken. Die Schliessung erfolgte aber sicher nicht (nur) wegen des ökologischen Aspekts und hatte und hat, lt. Sascha, verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerung, da es auf dieser Seite des Sees praktisch keine Alternativen für Arbeit gibt. Der See besteht aus 3 grossen Becken zwischen denen praktisch kein oder nur schleppender Wasseraustausch stattfindet. So ist (war) das südliche Becken am stärksten wegen der Abfälle von Baikalsk betroffen. Offensichtlich sehen tut man von alldem - ausser am See-„Ende“ in Sludjanka - nichts. Auf der Seite von Baikalsk war ich nicht und die Insel Olkhon liegt im 2. Becken.

  3. Andersreisender
    24.08.2010

    Wenn ich Deinen Reisebericht so lese, komme ich auch gleich wieder ins Schwärmen. Bin vor etwa einem Monat mit der Transsib durch Russland gereist und ebenfalls am Baikalsee bei Nikita "abgestiegen". Einfach eine tolle Reise - würde ich jederzeit wieder machen :-)

  4. Barbara
    26.08.2010

    Danke fürs Mitnehmen, das war ja eine interessante Tour!!! Irgendwie kommt man auch ohne Kenntnisse der Landessprache immer durch, auch wenn's komplizierter ist, es ist auf jeden Fall interessanter. Traumhaft dort.

    Ich bin 1991 mal mit der Transsib einen vollen Tag am Baikalsee vorbeigefahren und war total baff, ich habe echt nur gegafft. Und den Fisch gegessen, den gab's im Speisewagen, lecker. Damals hatte ich mir auch vorgenommen, irgendwann mal für länger hinzufahren. Gut, dass das inzwischen einfacher möglich ist. Die Wandertour klingt ja auch spannend.

    • Birgit
      27.08.2010

      @Barbara: Das stimmt, man kommt schlussendlich immer irgendwie durch und das ist ja auch das Spannende daran.
      Die Anreise war kein Problem, aber es ist nicht einfach an Ort und Stelle diverse Transportmöglichkeiten ausfindig zu machen.

  5. Pingback: Die russische Sauna - Wohltat für Leib und Seele | RSS Verzeichnis

  6. kitchenroach
    3.09.2010

    Trans-sib-bahn steht auf unserer Reisewunschliste! Wenn ich Deine Bilder sehen und Beschreibung lese, dann sollte es ganz oben auf der Liste stehen.

  7. Birgit
    3.09.2010

    Die Zugfahrt selber wäre einen Bericht wert. In meinem Fall war auf der Rückfahrt nach Jekaterinburg vom russischen Ehepaar, über chinesische Handelsreisende bis zum schwedischen Ikea-Manager alles vertreten. Ich kann nur empfehlen in einem nicht auf Touristen ausgerichteten Zug zu reisen. Es ist spannend.

  8. Carsten
    6.09.2010

    Dass sieht echt verlockend aus am Baikalsee. Wusste gar nicht, dass das da so schön ist...Aber es ist doch so weit weg :-(

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  13. Thomas Dippel
    29.03.2016

    Da bekommt man direkt Lust, den Rucksack zu packen. Toller Bericht.

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